Sommer 2009 im Nonnenkloster in Lingshed
Diesen Sommer ist alles anders. Das spüren wir schon bei unserer Ankunft in der Chomo Gompa. Wir, das sind, Theresa Danner, und ich, Elke Schulz. Diesen Sommer haben wir das Glück im Nonnenkloster in Lingshed Englisch unterrichten zu dürfen.
Als wir Mitte Juli in der Chomo Gompa eintreffen, werden wir sehr herzlich von den 26 Nonnen im Alter von 8 bis 57 Jahren empfangen. Und, stellen schnell fest, dass wir eigentlich zu spät gekommen sind, denn die Nonnen bereiten sich gerade auf ihre Abschlussprüfungen vor, die Ende Juli stattfinden. An vier Tagen werden sie dann in insgesamt vier Fächern geprüft. Danach findet bis Anfang/Mitte September kein Unterricht mehr statt. Die Nonnen möchten diese Zeit nutzen um ihre Familien zu besuchen, oder um nach Leh zu reisen. Und so notieren wir schon kurz nach unserer Ankunft auf unserer Feedbackliste: „Englischunterricht auf die Monate Juni und Juli verlegen, um ihn besser in den Schul- und Prüfungsplan der Nonnen zu integrieren.“
Damit die Nonnen möglichst viel Zeit zum Lernen und für ihre anderen Aufgaben haben (z.B. Feldarbeit, Bewässerung, Arbeit im Gewächshaus), findet unser Unterricht von 8 bis 10 Uhr morgens statt. Insgesamt gibt es drei Klassen, die in zwei Gruppen unterrichtet werden. Theresa unterrichtet die Anfänger und fortgeschrittenen Anfänger, und ich betreue die Fortgeschrittenen. Meine Gruppe äußert schnell den Wunsch statt Grammatikübungen Konversation zu machen, und hat schon gleich eine Liste mit Themen parat, die von (Aus-)Bildung, Freundschaft und Gesundheit bis zum modernen Leben reicht. Da es hierzu keine passende Lektüre gibt, stehe ich vor der spannenden Herausforderung diese Themen sowohl inhaltlich als auch mit dem entsprechenden Wortschatz zu vermitteln. Das macht mir sehr viel Spaß, und als schönen „Nebeneffekt“ lerne ich durch diesen Unterricht einiges über die ladakhische Gesellschaft und Kultur.
Auch für Theresa gibt es kaum Lehrmaterial, und so malt und bastelt sie eifrig, um den kleinen Nonnen eine andere Form des Lernens zu ermöglichen.
Wir beginnen mit unserem Unterricht kurz nach unserer Ankunft im Kloster, und fügen uns schnell in das Klosterleben ein: Um fünf Uhr aufstehen, Morgen-Puja zwischen 5:30 und 6:30 Uhr, anschließend Frühstück; Englischunterricht von 8 bis 10 Uhr, Mittagessen um 12 Uhr, und schließlich das Abendessen um 20:30 Uhr. In unserer freien Zeit bereiten wir den Englischunterricht vor, helfen den Nonnen beim Bewässern der Felder, beim Ernten, oder beim Kochen, oder besuchen mit „unseren“ Nonnen ihre Familien. Nachmittags werden wir auch häufig von den Nonnen zum Tee eingeladen. Dabei wird dann immer viel erzählt und gelacht, und unsere grundverschiedenen Welten nähern sich langsam an.
Doch nach den Prüfungen ist an einen geregelten Tagesablauf nicht mehr zu denken, denn die Vorbereitungen für den Besuch des Dalai Lamas laufen auf vollen Touren. Nachdem vor zwei Jahren ein geplanter Besuch kurzfristig abgesagt wurde, ist es nun soweit. Mitte August wird seine Heiligkeit die Gompa in Lingshed besuchen. Obwohl manche Nonnen den Dalai Lama bereits bei früheren Unterweisungen erlebt haben, ist der Besuch seiner Heiligkeit in ihrem Heimatdorf doch etwas sehr besonderes. Wir spüren das fast täglich, und sind glücklich und dankbar, dass wir dieses Ereignis zusammen mit „unseren“ Nonnen erleben dürfen. Doch vor dem Besuch muss noch einiges hergerichtet werden, und so helfen wir den Nonnen bei ihren Arbeitseinsätzen, z.B. bei der Erweiterung des Hubschrauberlandeplatzes, bei der Grundreinigung des Photang und beim Anstreichen des Nonnenklosters.
Am 15. August ist es schließlich soweit. Morgens um kurz vor sieben landet der große Militärhubschrauber mit dem Dalai Lama an Bord. Winkend und lächelnd schreitet er durch das Spalier, das die Mönche, Nonnen, Schulkinder und Dorfbewohner für ihn gebildet haben. Kurz darauf verschwindet er im Photang, wo er mit den Mönchen und Nonnen betet und spricht. Währenddessen nehmen die ca. 300 Dorfbewohner und zehn Touristen ihre Plätze ein. Theresa und ich haben Glück, und erhalten Plätze in der vordersten Reihe, nur ca. drei Meter vom Thron des Dalai Lamas entfernt.
Gegen neun Uhr erscheint er wieder vor der versammelten Menge, und beginnt kurz darauf mit seinen Unterweisungen. Knapp 2,5 Stunden unterrichtet er auf tibetisch, das von einem Dolmetscher ins ladakhische übersetzt wird. Nach seiner Unterweisung erhebt er sich lächelnd und steigt langsam die Treppe hinunter. Wir erwarten, dass er nun noch einige Dorfbewohner begrüßt und dann zum Kloster geht, wo er übernachten wird.
Doch das Unfassbare geschieht. Kaum am Fuß der Treppe angelangt macht der Dalai Lama eine abrupte Kehrtwendung nach links und kommt schnurstracks auf mich zu. Er streckt mir die Hand entgegen und fragt: “Where are you from?“ Ich ergreife seine Hand und antworte mit dem breitesten Lächeln meines Lebens. “Germany.“ Danach begrüßt er noch Theresa und zwei Touristen, bevor er in Richtung Kloster verschwindet. Theresa und ich schauen uns an, lachen, strahlen, schauen auf unsere Hände und können gar nicht so recht glauben, was soeben geschehen ist. Der Dalai Lama verbringt den Rest des Tages und die Nacht im Kloster. Wir sehen ihn nur noch kurz, als er am nächsten Morgen schnellen Schrittes vom Kloster zum wartenden Hubschrauber eilt. Er winkt noch einmal zum Abschied, bevor er in den Hubschrauber steigt, der ihn zurück nach Leh bringt.
Und auch die Nonnen begeben sich kurz darauf auf den Weg nach Leh, um dort an einer weiteren, mehrtägigen Unterweisung des Dalai Lamas teilzunehmen. Sie werden erst nach unserer Abreise wieder zurück ins Nonnenkloster kommen, und so heißt es nun schon schweren Herzens Abschied nehmen, von 21 kleinen und großen Nonnen, zu denen sich in den vergangenen Wochen eine sehr herzliche Freundschaft entwickelt hat. Nur fünf Nonnen bleiben zurück um die Arbeit im Kloster und auf den Feldern zu verrichten, wobei wir sie nach Kräften unterstützen.
Doch auch in unserer freien Zeit wird es uns nicht langweilig: Wir besuchen die staatliche Schule und geben dort Gastunterricht, wir besuchen unsere Freunde im Mönchskloster und kochen mit ihnen, wir wohnen der Puja im Mönchskloster bei, wir besuchen einen Amchi, wir treffen uns mit Sonam Dorje (polit. Vertreter Lingsheds), wir dürfen bei der Produktion von Manisteinen zuschauen, und folgen gerne den Einladungen von den Familien unserer Nonnen. Und, als Ende August offiziell die Ernte beginnt sind wir mit Freude dabei, und helfen wo wir können.
So vergeht die Zeit bis zu unserer Abreise viel zu schnell. Am Tag zuvor hat der Regen eingesetzt, die Felder sind fast alle abgeerntet. Die Zeit für den Aufbruch ist da, auch wenn es uns schwerfällt. Die Nonnen begleiten uns noch ein Stück, und lassen es sich auch nicht nehmen unsere Rucksäcke zu tragen. Bei dem herzlichen und innigen Abschied bitten sie uns: “Don’t forget us!“ Wie aus einem Munde antworten Theresa und ich: “We will never forget you!“
Ein herzliches Julee von Elke
zum Bericht von Brigitte Dürr über Ihren Aufenthalt im Nonnenkloster Lingshed ->
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