TIBET – Mit Pilgern am heiligen Berg Kailash

Weg zum Kailash
Ankunft Kathmandu. Dicke schwarze Regenwolken hängen im Tal-Kessel, unsere Maschine verpasst die Landung, startet noch mal durch. Unfreiwillig geraten wir in die ersten Vorboten des Monsun. Wir, das sind der Filmautor Peter Weinert, der expeditionserfahrene Kameramann Jürgen Volz, unser Tontechniker Manfred De Lorenzi und meine Assistentin Heidrun Schmitz.

In Tibet wollen wir in den nächsten vier Wochen einen Film über den heiligen Berg Kailash drehen. Die 6.648 Meter hohe Schneepyramide wird von den Tibetern als das Zentrum der tibetischen Kosmologie, die Erdinnenachse und das größte Naturmandala der Erde verehrt. Seit tausenden Jahren pilgern Buddhisten, Hindus, Böns und Jainas zum Kailash nach Westtibet.
Zweimal schon wurde uns in den letzten Jahren die offizielle Drehgenehmigung der chinesischen Besatzungsmacht verweigert, jetzt reisen wir als Privatpersonen nach Tibet. Statt der auffälligen Betacam-Fernsehkamera haben wir eine leichte handliche Sony-HTV im Gepäck. Nicht nur der “Undercover-Dreh”, auch der Plot des Films verspricht abenteuerlich zu werden. Vor acht Monaten hatte mich ein buddhistisches Kloster in Kathmandu gebeten, eine alte tibetische Buddha-Statue zurück an ihr Ursprungskloster am Kailash zu bringen. Sie hatte in den Wirren der Kulturrevolution eine rettende Bleibe in der nepalischen Hauptstadt gefunden.

Eine Woche später sitze ich dicht gedrängt zwischen 30 tibetischen Pilgern auf der Ladefläche eines alten LKW. Tibetisches Hochplateau, 4.676 Meter Höhe: Schlaglöcher, eisiger Wind, sengende Sonne und knirschender Sand zwischen meinen Zähnen. Während der Fahrt auf dem schwankenden Ungetüm scheint selbst der Horizont zu wanken.
Lakba, der 35-jährige Familienvater aus Ost-Tibet lacht mir zu und schlägt mir kräftig auf die Schultern. “Kussu depo nigpe?”, wie es mir so geht, fragt er und schiebt seine uralte Schneebrille auf die Stirn. “Yak-char?”, legt er gleich nach. Ich breche mir ein Stück aus dem getrockneten Yakfleich ab, kaue genüsslich darauf herum und denke an meinen Freund Norbu, der mich in zwei Tagen am Manasarovar-See erwarten soll. Ich habe ihm in einem Brief vor zwei Monaten in mein Geheimnis eingeweiht, will mit ihm um den heiligen See am Fuße des Kailash wandern und die Buddhastatue dem Kailash-Kloster übergeben.
Unser Team hat jahrelange Erfahrung mit Dreharbeiten im Himalaja, trotzdem sind wir aufgeregt. Einer so großen Herausforderung haben wir uns noch nie gestellt. Wird es uns gelingen die Statue in ihre Heimat zurückzubringen?

Manasarovar-See

Die klimatischen und geographischen Extreme des Landes fordern unser Filmteam jeden Tag aufs Neue. Die dünne Luft auf dem 4.600 Meter hohen Tibetischen Hochplateau, das wir mit unseren Jeeps schon nach zwei Tagen erreicht haben, verlangt so manche Asperin. Selbst Shiva, unser erfahrener Guide aus Nepal, klagt über starke Kopfschmerzen, muss sich sogar übergeben. Ein rascher Abstieg, einziges wirksames Mittel gegen die Höhenkrankheit, ist auf der endlosen Hochwüste Tibets fast unmöglich.

Während sich unsere Körper mit jedem Kilometer mehr an die Höhe gewöhnen, wächst die Nervosität. Ob Norbu, einer der Protagonisten des Films, meinen Brief erhalten hat? Als wir den Tibeter wie verabredet in den Ruinen eines zerstörten Klosters am Manasarovar-See entdecken, ist die Erleichterung groß. Ein knisterndes Lagerfeuer, mit Yak-Dung gestreckt, und die klaren Umrissen des Kailash am Horizont machen den Abend perfekt.
Am nächsten Morgen starten wir die viertägige Umrundung des heiligen Manasarovar-Sees, dem auf 4.545 Metern höchst gelegenen Süßwassersee der Erde. Stolze Khampa-Frauen mit ihrem schweren Türkisschmuck, alte Frauen und Männer mit ihren Manilakor, den tibetischen Handgebetszylindern, und mit den schweren Yakwollzelten bepackte Pferdekarawanen der Nomaden ziehen auf ihrer Kora um den heiligen See an uns vorbei.
Dann findet Norbu am Ufer das, wonach alle tibetischen Pilger Ausschau halten: einen toten, getrockneten Fisch. Er verstaut ihn sorgfältig in seinem Rucksack – die Fische aus dem See gelten als besonders heilig. Zu einem Pulver zerstoßen werden sie als Medizin verwendet. Das Wetter ist auf unserer Seite, abends sichten wir die Aufnahmen, laden unsere Akkus an den Batterien unserer Team-Jeeps auf. Denn ohne gut geplante Logistik funktioniert auch hier nichts. Drei Jeeps und ein Versorgungs-LKW stehen uns zur Seite – unumgängliche Realität eines Produktionsalltags.

Nach vier Tagen erreichen wir Darchen, ursprünglich ein altes tibetsiches Dorf am Südrand des Kailash – mittlerweile ein eher chinesisches Verwaltungsnest mit hässlichem Flair. Weiß gekachelt blitzt uns das chinesische “First-Hotel” im Ort entgegen. Nach 30 Minuten Suche finden wir dann, 150 Meter von unserem Zimmer entfernt, auch endlich das Klo. Auch hier erwarten uns neue Herausforderungen……. Doch solch gewöhnungsbedürftige “sanitäre Anlagen” können unsere Vorfreude nicht schmälern. In zwei Tagen findet an der Westflanke des Kailash das Saga Dawa Fest statt. Es ist unser Ausgangspunkt für die dreitägige Umrundung des Kailash und unserer geheimen Übergabe….. wir sind gespannt.

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