TIBET – Mit Pilgern am heiligen Berg Kailash 2

Kailash
Die Dreharbeiten verlaufen sehr erfolgreich: Das Wetter ist perfekt und Norbu entpuppt sich als wahres Naturtalent vor der Kamera. Mit tibetischer Gelassenheit ist er während der Interviews vor laufender Kamera immer humorvoll und locker – von Aufregung keine Spur. Nach drei Tagen erreichen wir sein Heimatdorf Chui-Gompa, wo wir mit seinen Eltern Tashi und Dolma verabredet sind. Seit fast zehn Jahren verbindet uns eine enge Freundschaft. Dolma ist 65 Jahre alt und schon über 160 Mal in ihrem Leben um den Kailash gepilgert, zweimal davon in Form von Niederwerfungen, die alleine vier Wochen dauern. Tashi, ihr Ehemann, wanderte 80 mal um den Kailash, Norbu über 60 mal.
Gemeinsam brechen wir zum Saga Dawa Fest am 15. Tag des vierten tibetischen Monats auf. In ganz Tibet werden jetzt Buddhas Geburt, Erleuchtung und Tod gefeiert. Während des rauschenden religiösen Festes wird an der Westflanke des Kailash ein gewaltiger Gebetsfahnenmast aufgestellt.

Kaum eingeschüchtert von der Präsenz chinesischer Soldaten feiern die Tibeter ausgelassen. Wir sind auf der Hut, aber unter den hunderten westlichen Touristen mit ihren Videokameras fallen wir zum Glück weniger auf, als befürchtet. Nach dem Saga Dawa Fest starten wir die Kora, die Wanderung um den heiligen Berg. Die Umrundung des Kailash stellt für den tibetischen Pilger die Konfrontation mit Leben, Tod und Wiedergeburt dar. Vorbei an unzähligen Mani- und Ritualsteinen erreichen Tashi, Dolma, Norbu und ich am Abend des ersten Tages das Dirapuk-Kloster auf 5100 Meter. Hier soll die Reise für uns und die geheimnisvolle Buddhastatue, die noch immer in einer Gebetsfahne eingerollt in meinem Rucksack auf die Übergabe wartet, enden.
Am nächsten Morgen hält der Abt des Klosters andächtig die kleine Buddhastatue in seinen Händen. Wenig später gibt er sie uns zurück. Zum Schutze Tibets sollen Norbu und ich die Statue nun in das Innere des Mandala bringen. Die Innere Kora, wo auf fast 6.000 Meter in der Südwand des Kailash 13 Chörten stehen, darf nur der betreten, der den Kailash schon 13 Mal umrundet hat. Diese Voraussetzung hatten wir beide erfüllt. Bereits auf meiner letzten Reise hat mich mein Weg in die Innere Kora geführt.
“Chörten choksum”, murmelt Norbu und blickt in den Himmel. Er weiß, dass uns der Aufstieg zu den 13 Chörten nur gelingen kann, wenn uns das Wetter und die Götter positiv gestimmt sind. Wir sind bereit, den Aufstieg ins Innere des Mandalas zu wagen.

Innere Kora
Vier Wochen “Undercover”-Dreharbeiten liegen hinter uns. Schlaflose Nächte und die ständige Angst, dass chinesische Sicherheitsbeamte unsere Filmkassetten einkassieren könnten, haben an unseren Nerven gezerrt. Noch kurz vor unserem Grenzübertritt zurück nach Nepal kam unser tibetischer Guide auf uns zu und erklärte, dass die chinesischen Beamten nach einer deutschen Gruppe suchten, die unerlaubt am Kailash einen Film gedreht hätte. Natürlich ging uns gehörig die Muffe und die Nerven lagen ziemlich blank. Wie durch ein Wunder passierten wir die Grenze ohne Probleme. Nun sichten wir gerade das 13-stündige Filmmaterial, wussten aber auch schon vorher, dass wir mit viel Glück einen wunderschönen Film mit nach Hause gebracht haben.

Dabei hatten wir mehrfach Angst, den Film gar nicht erst zu Ende drehen zu können. Jürgen Volz, unser bärenstarker Kameramann, war am Morgen der Inneren Kora körperlich so geschwächt, dass er am Nacht-Morgendreh um 5.30 Uhr kaum laufen und nur noch wenig mit seinen Augen erkennen konnte. Die wochenlangen Sorgen, die besonders er sich um die Fertigstellung des Film gemacht hatte, führten bei ihm zu einem Kreislaufzusammenbruch. Jürgen musste zurück ins Zelt und schlief erschöpft im Lager auf 5.150 Meter vor der Südwand des Kailash ein. 800 Meter Höhenaufstieg zu den 13 Choerten lagen noch vor uns, wir wussten nicht mehr weiter. Ohne Jürgen konnten wir den Film nicht fertig drehen. Doch um 10 Uhr kroch unser Kameramann aus dem Zelt und rief seine letzten Kraftreserven ab. Ohne Rucksack, mit starker Bronchitis, setzte er einen Schritt vor den anderen. Er wollte diesen Film zu Ende bringen! Auch wenn wir so stark wie möglich den Druck von ihm nehmen wollten, jeder wusste, was für eine enorme Erwartung wir alle in das Projekt gesetzt hatten. Nach sechs Stunden Aufstieg erreichten wir den Schlüsselpunkt, eine 30 Meter steile Kletterstelle (vereist und übersät mit extrem lockeren Geröll) hinauf zu den 13 Chörten. Ich hatte die letzten 200 Höhenmeter im tiefen Schnee den Weg gespurt, jetzt war der Moment gekommen, den Einstieg mit Eispickel begehbar zu machen. Der schwierige Anstieg löste beim ein oder anderen unseres Teams ein flaues Gefühl im Magen aus. Nur Jürgen, begeisterter Kletterer, bekam einen totalen Adrenalinschub und lief wie im Schock zu gewohnter Höchstform auf. Nach einer halben Stunde standen wir alle auf dem 2-3 Meter breiten Felsband der 13.Choerten: das gesamte TV-Team, Norbu-laa, 2 Sherpas,2 Yaktreiber und unsere treuen 2 jungen tibetischen LKW-Fahrer. Das Ende des Film war erreicht. Erleichterung und Dankbarkeit kamen auf. Eine große Last war von unseren Schultern genommen.

Eine unvergessliche Zeit liegt hinter uns und wir sind dankbar, über all das, was wir erleben konnten. Wir waren ein gutes Team.
Allen Lesern dieser Zeilen wünsche ich eine gute Zeit und vielleicht auf ein Wiedersehen zum Sendetermin,

herzlichst und tashi delek
Euer Dieter Glogowski

Kailash - im Inneren des MandalasDas Buch zum Film: “TIBET – Mit Pilgern am heiligen Berg Kailash” mit dem Titel “Kailash – im Inneren des Mandalas” ist in meinem Online-Shop erhältlich. (auf Wunsch auch gerne signiert).