Nepal – Im Land der Sherpa
Der neue „Länder-Menschen-Abenteuer“ Film von Peter Weinert und Dieter Glogowski
8.Juni 2007
„It is coming, it is coming,…the twinotter is coming!“, Shiva kommt auf mich zugerannt, “listen, can you hear it?!” Vor vier Tagen ist das Wetter endgültig umgekippt. Dicke Monsunwolken haben sich die Herrschaft erobert, ungewöhnlich lang dominierten blauer Himmel und Bergsicht die letzten Wochen des Mai. Unsere Dreharbeiten kamen perfekt voran. Jetzt blicke ich auf die winzige STOL-Flugpiste in Lukla, die sich kaum sichtbar, im Nebel und Nieselregen versteckt. STOL steht für „Short taking off and landing“, die Piste gleicht eher der Länge eines Bouleplatz (spätestens beim Anflug wird man dieser Überzeugung sein!), die Landefläche steigt steil an, ein Angebot der nepalischen Landeplatz-Ingenieure an die physikalischen Schwerkraftgötter. Durchstarten ist hier unmöglich, das allein verhindert schon die Bergwand am Ende der Piste. Lukla-„Airport“, einst von Sir Edmund Hillery ins Leben gerufen, liegt auf 2.840 m Höhe vor den Toren des Sherpalands. Von hier aus sind es ca. 10 Tage Fußmarsch zum Basislager des Mt. Everest. Ein lautes Brummen reißt mich aus den Gedanken, - unfassbar aber wahr – eine Twinotter von Yeti-Airlines setzt ächzend ihre müden Räder auf die Landebahn, quietschende Bremsen, jaulende Motoren, kurz vor der Felswand dreht der Pilot die Maschine in die Parknische. „Lets go!“, ruft Shiva, wir rennen auf das Landefeld. Innerhalb von zwei Minuten ist die Maschine aus- und wieder eingeladen, quetschen wir uns in den engen Rumpf der mehr als betagten Maschine. Eine Stewardess grinst uns ein „Namaste“ entgegen, reicht uns Watte für die Ohren. Wie unter Drogen grinsend erleben wir die Talfahrt des Starts, wissen nicht was besser wäre: hier doch nicht drin zu sitzen und in der „german bakery“ von Luka einen Überlebensversuch zu starten oder sich zu freuen, dass uns die klapprige 16-sitzige Maschine mit den beiden optimistischen Piloten innerhalb von nur 35 Minuten nach Kathmandu vibriert.
Die Motoren schreien sich die 600PS Schubkraft aus dem Hals, die Talfahrt endet und wir heben tatsächlich ab, wobei sich die Erleichterung nur auf das Wort „tatsächlich“ beschränkt. Mit dem schon erwähnten Blick eines Ungläubigen suchen meine Augen nach einem Anhaltspunkt im konstanten Nebel und ich erinnere mich an den berühmten Satz eines nepalischen Piloten – „There are a lot of stones in the cloudes of Nepal !“…wirklich sehr beruhigend! Die Maschine tanzt und hüpft, die ersten Yeti-Airline-Werbetüten kommen hinter mir zum Einsatz, ich selbst gehe noch mal mein Karma durch, verfalle dann in einen stoischen Erinnerungszwang:
Vor drei Wochen waren wir hier gelandet. Wir, das sind der bekannte Hessen-Fernsehen-Autor und Filmemacher Peter Weinert , Kameramann Jürgen Volz und Tontechniker Manfred DeLorenzi, meine Assistentin, Fotografin und Ethnologin Sigrid Noll, mein vertrauter Guide und Freund Shiva Shrestha und unser Sirdar Ram. Vor einem halben Jahr wurde mein Drehbuch „Im Land der Sherpa“ vom SWR abgesegnet und so kam es wieder zu einer Koproduktion mit dem gleichen bewährten Team, das 2005 den Kailash-Film für Länder-Menschen-Abenteuer gedreht hatte. Auch für die Filme „Zanskar - der eisige Weg“ (1998), „Ladakh-Land der hohen Pässe“ (1998), sowie „Nepal - Wo Shiva auf Buddha trifft“ (2001) waren wir in gleicher Besetzung unterwegs. Diesmal ging es um eine Generationengeschichte. Ich hatte lange recherchiert, war 2005/2006 zuvor vier Mal im Land der Sherpa, dem Khumbugebiet, unterwegs gewesen, wollte gerne die Geschichte der Sherpa in eine ihnen würdige Betrachtung verpacken. So traf ich auf den 77-jährigen Temba Sherpa, der als junger Mensch so manchen 8.000er bezwang (immer ohne Sauerstoff !) und auch 1961 bei der berühmten Sir Edmund Hillery-Yeti-Expedition teilnahm. Temba, mittlerweile ein angesehener buddhistischer Laiengelehrter und Heiler in der Sherpa-„Hauptstadt“ Namche Bazar (3.450m), sollte im Film seinen 7-jährigen Urenkel Dorje in die Mystik und die Demut zu den Bergen einführen. Temba kannte ich durch meine Freundschaft mit dem 29-jährigen Tenzing Sherpa. Tenzing spricht sehr gut deutsch, arbeitet jeden Sommer für 3 Monate auf der Konstanzer Hütte in den österreichischen Alpen als Koch. Er betreut eine kleine hübsche Lodge in Bengkar, zwischen Lukla und Namche Bazar. Temba ist sein Grossvater, Dorje sein ältester Sohn. So traf sich alles perfekt und alle waren nicht nur bereit ihren Beitrag im Film zu leisten, Temba war regelrecht interessiert an einem Film, der seine Sherpakultur authentisch darstellt. Auf meine Frage, ob er sich mit seinen 77 Jahren den Aufstieg auf den 5.656m Hohen Gipfel des Kala Pattar (gegenüber des Mt. Evererst) noch vorstellen kann, klopfte er mir nur lachend auf die Schulter und meinte: warum nicht!?…und witzelte weiter, das er durchaus oben auf mich warten wolle! So entstand eine einmalige Geschichte über das Leben der Sherpa, getragen von viel Demut und Freundschaft im Erlebten, aber auch mit der Wohlwollen der Wettergötter. Die Schwerkraft drückt mich in den Sitz, ich blicke nach draußen, sehe das Backsteingebäude des Kathmandu Tribhuvan-Airport vorüberfliegen, Vollbremsung – gelandet!
Die Luft in der Maschine hat was säuerliches, ich blicke auf weißfahle Gesichter, die sich vor Kurzem noch ihrer Bergbräune erfreut haben. Hebel runter, Tür auf, willkommen in der heißschwülen Ganzkörperpackung Kathmandus.
Wie pflegte schon Buddha zu sagen: „Nichts ist permanent – alles ist in Veränderung!“
Dieter Glogowski, Kathmandu, Nepal, 12.6.2007
Der neue „Länder-Menschen-Abenteuer“ Film von Peter Weinert und Dieter Glogowski ist ab November im Fernsehen zu sehen. Sendetermine werden hier auf den Seiten veröffentlicht.








